Uhrzeiten (Änderungen Vorbehalten, natürlich!)

Show Time (die naTo Leipzig)

· 19:30 Magic Monday Show (14€/10€)
Künstler: TBA

· 21:45 Close-Up Special (Frei für alle Teilnehmer)
Künstler: TBA

Vormittag

TBA

Nachmittag

TBA

Vormittag

TBA

Nachmittag

TBA

Atelier RaZuFa (Dürrenberger Str. 5, Hinterhaus)

Theater die naTo

Yann Yuros persönlichen Bericht (2018)

Das mulmige Gefühl, etwas Wertvolles zu lernen

Der Magic Monday Workshop aus Sicht von Yann Yuro, seinem skeptischsten Teilnehmer.

 

„Wir brauchen keine Gage zu bezahlen. Wir müssen einfach cool genug werden, damit die Leute sich darum reißen, gratis bei uns aufzutreten.“ – So in etwa würde ich Alfonso Rituertos Geschäftsmodell beschreiben. Das Geschäft ist in Wahrheit ein Herzensprojekt, das Alfonso 2016 in die Welt gehoben hat: Der „Magic Monday Leipzig“.(1)

Im Prinzip die gleiche Idee, die anderen Magic Mondays auch zugrunde liegt: Ein festes Team aus lokalen Stamm-Magiern plus wechselnde Gäste, ein kleines Theater mit 100 Plätzen, eine monatliche Show und das Ganze im Idealfall tatsächlich an einem Montag.(2) Aber wie sollten wir die Gast-Zauberer überzeugen, zu kommen? Darüber waren wir uns uneins. Die Einnahmen reichten nicht aus, um alle angemessen zu bezahlen. Der Münchner Magic Monday schien das Problem mit Fertige-Finger-Prestige zu lösen, doch uns fehlte verdientermaßen der gute Ruf. Also hatte Alfonso die Idee, den finanziellen Gewinn ein Jahr lang zu sammeln und dann einen exklusiven Mega-Workshop zu organisieren, der für alle Magic-Monday-Veteranen umsonst sein würde. Quasi ein riesiges Geschenk für alle, statt einer knauserigen Gage für jeden.(3)

Letztendlich reichte die bloße Ankündigung eines solchen Mega-Workshops aus, um die vorzüglichsten Gäste nach Leipzig zu locken, die wir uns hätten wünschen können. Mittlerweile ist Javi Benitez bei uns aufgetreten, ebenso Gaston und Pit Hartling (um nur die unbedeutendsten zu nennen). Mit anderen Worten: Das Niveau sprach sich herum, das Haus war fast immer voll und die Kasse klingelte. Die Versuchung war groß, das Geld zu viert zu versaufen. Allein Dank unserer noch nicht gänzlich im Kleinkunst-Überlebenskampf aufgeriebenen Rest-Skrupel machten wir uns tatsächlich daran, den versprochenen Workshop zu organisieren.

Es sollte ein Mini-Kongress werden. Drei Tage Magie nonstop mit nicht mehr als 25 Teilnehmern (nicht gegendert, da, wie so oft, keine einzige Frau dabei war). Drei Workshop-Leiter wurden eingeflogen: Javi Benitez, Miguel Ángel Gea und Guido Schmalriede. Guido wollte nicht als einziger Mitteleuropäer auffallen und gab sich deshalb den Künstlernamen Manuel Muerte.

Los ging es am Montag mit zwei klassischen Magic-Monday Vorstellungen im Theater: eine auf der Bühne, eine im Close-Up-Setting. Unsere Workshop-Leiter bestritten die Shows quasi alleine, während wir vom Team uns entspannt zurück lehnten. Die Workshop-Teilnehmer saßen mehr oder weniger anonym verstreut zwischen den normalen Gästen und konnten erleben, wie ihre künftigen Lehrer auf das Laienpublikum einzauberten. Unter anderem zeigte Miguel Ángel sein perfektioniertes Ringspiel, Javi seine Hindu-Faden-Version (bei der ganz offensichtlich keinerlei Trick zur Anwendung kommt. Der Faden wird tatsächlich magisch restauriert) und Manuel tötete Mäuse. Den Karten- und Münz-Fetischisten lief das Wasser im Mund zusammen aus Vorfreude auf die kommenden zwei Tage. Ich verschränkte skeptisch meine Arme und dachte: „Bin mal gespannt, ob diese Nerd-Ikonen irgendwas brauchbares zu sagen haben.“

Das hatten sie dann. Zum Beispiel zur „Spanischen Schule“. Seit ich Alfonso kenne, frage ich mich: Was macht denn die Spanische Schule überhaupt aus?(4) Miguel Ángel und Javi widmeten sich dieser Frage an beiden folgenden Tagen mit einem Seminar zur Geschichte der spanischen Magie. Sie arbeiteten die einflussreichsten spanischen Magier in chronologischer Reihenfolge ab und nahmen sich viel Zeit, die theoretischen Neuerungen zu erläutern, die jeder von Ihnen auf den Weg gebracht hat. Namen und Daten rauschten an mir vorbei, ohne Spuren zu hinterlassen. Doch die Theorien lösten teils faszinierende Debatten aus und oft (noch besser) das mulmige Gefühl, etwas wirklich Wertvolles gelernt zu haben.(5)

Zusätzlich gab es einen JeKaMi-Abend und klassische Routinen-erklär-Seminare. Javi erläuterte seinen Hindu-Faden (schockiert stelle ich fest: Es war doch ein Trick dabei!), Manuel sein Mäuse-Becher-Spiel, das auf übermenschlicher Misdirection basiert (ich habe noch immer nicht gesehen, wie er den verfluchten Ball auf den Becher legt) und Miguel Ángel sprach über seine Arbeit mit psychologischer Wahrnehmungstäuschung (er ließ Münzen verschwinden, das die nie da waren, die wir quasi herbei halluziniert hatten).

Am letzten Nachmittag schließlich bot Manuel Solo-Coachings an. Alle schauten zu, während einzelne über-mutige Teilnehmer ihre Nummern zeigten und anschließend von Manuel konstruktivst zerrupft wurden. Für mich war das der zweit-spannendste Teil des Workshops. Der spannendste ereignete sich dann nach dem Abendessen (6): Eine offene Gesprächsrunde, angeleitet von Luis Carr, der die Frage in den Raum stellte: Wie kann Magie als darstellende Kunst Anerkennung finden? Die nun folgende Diskussion förderte die unterschiedlichsten Ansichten und Grundannahmen zu Tage. Aus Platzgründen nur ein Beispiel (7): Javi und Miguel Ángel schienen einen gänzlich anderen Zugang zur Zauberkunst zu haben, als Manuel Muerte. Erstere gehen davon aus, dass theatrale Magie einen inhärenten künstlerischen Wert hat. Ob sie sich mit anderen Künsten, wie der Malerei oder Musik, messen kann, hänge allein von ihrer Qualität ab. Gute Magie könne sich mit guter Malerei messen und schlechte mit schlechter. Manuel hingegen sagt, eine Malerin oder ein Musiker könne jedes beliebige Thema künstlerisch verarbeiten, ein Zauberer hingegen würde niemals eine Nummer zur Shoah zeigen. Folglich sei Zauberei Unterhaltung und keine Kunst. Für‘s Protokoll: Ich bin ein leidenschaftlicher Anhänger dieser zweiten Position, weil ich glaube, dass sie uns mehr künstlerische Arbeit abverlangt und ich würde bei erster Gelegenheit einen ganzen Essay nur zu dem Thema schreiben.

Tatsächlich erscheint mir die Arbeit von Manuel (für den Magie Unterhaltung ist) viel künstlerischer als die von Javi und Miguel Ángel, während ich die Auftritte von Javi und Miguel Ángel oft unterhaltsamer finde, als die von Manuel. Vielleicht liegt der Unterschied also gar nicht so sehr in der jeweiligen Sicht auf die Magie, als in einer unterschiedlichen Vorstellung davon, was „Kunst“ bedeutet?

Sollte ich die Äußerungen der Beteiligten völlig falsch wiedergegeben haben, entschuldige ich mich hiermit halbherzig und bin froh, dass ich den Bericht schreiben durfte und nicht irgendjemand anderes.

Die drei Tage waren wortwörtlich ein Geschenk. Mit Spannung erwarte ich den nächsten exklusiven Magic-Monday-Workshop, bei dem wir David Copperfield, Derren Brown und Jesus Christus als Lektoren zu Gast haben werden.

 

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(1) Außer Alfonso gehören zum Gründungsteam Luis Carr, der gerne an der Schnittstelle zwischen Zauber- und Performance-Kunst herum experimentiert, Schleiff Live, der als Puppenspieler Gedanken lesende Schweine auf die Bühne bringt, sowie ich, der ich zu uneitel bin, um mich selbst zu beschreiben. Außerdem bin ich ja berühmt genug.

(2) Die Premiere fand an einem Donnerstag statt, da unser Veranstalter „das witzig fand“, mit dem Ergebnis, dass eine Stunde vor Vorstellungsbeginn Menschen an der Leuchtreklame halt machten und sagten: „Guck mal: ‚Heute Magic Monday‘! Ach Mist, leider nicht heute“ und nach Hause gingen. Mittlerweile ist der Humor zum Glück einer Wertschätzung für‘s volle Haus gewichen.

(3) Vielleicht war es auch Schleiff, der die Idee hatte, oder Luis. Aber Alfonso schafft es mit irgendeinem False-Memory-Dual-Reality-Top-Change, dass wir glauben, alle guten Ideen seien seine gewesen.

(4) Alfonso: „Bla bla bla Magische Atmosphäre bla bla bla Ascanio bla bla bla Schönheit, Wahrheit, Kunst und nochmal Ascanio.“ – Ich: „Also heißt Spanische Schule einfach gute Magie?“ – Alfonso: „Warte auf das Seminar von Miguel Ángel und Javi. Dann verstehst du‘s.“

(5) Ich hasse das Gefühl, etwas Wertvolles zu lernen, da es untrennbar verknüpft ist mit dem Eingeständnis, vorher noch nicht alles Wertvolle gewusst zu haben.

(6) Die leibliche Umsorgung der Teilnehmer war einer der weniger professionellen Aspekte des Workshops. So gab es zwei Tage lang Pizza zu essen und statt einer Heizung ein ohrenbetäubendes und Atemluft raubendes Industrie-Heizgebläse, welches uns im Sauna-Rhythmus abwechselnd schwitzen und frieren ließ.

(7) Das mit den Platzgründen ist gelogen. Platz ist genug da. Doch die meisten LeserInnen der MAGIE sind furchtbar ungeduldig, deshalb wird diese Seite mit Bildern zugekleistert. (Sie persönlich sind natürlich eine Ausnahme. Sie sind offensichtlich sehr geduldig, da Sie sogar die Klammern in den Fußnoten lesen).